Einatz

Die Würde der anderen

Dass die weibliche Genitalverstümmelung heute als strafbares Verbrechen gilt, ist vielleicht das größte Verdienst von Rüdiger Nehberg. Er starb am 1. April dieses Jahres. Felix Evers über einen Mann, der die Würde der anderen im Blick hatte

„Wer alle Ziele erreicht hat, hat sie zu niedrig gesetzt, soll Herbert von Karajan gesagt haben. Das müsste mich eigentlich trösten, denn ich war immer voller Ideen, Pläne und Träume. (…) Und eigentlich konnte ich sie alle realisieren. Bis auf die Allerletzte, meine persönliche Königsdisziplin: die weltweite Beendigung der weiblichen Genitalverstümmelung mit der Ethik und Kraft des Islam. Wir haben Erfolge erzielt, die beispiellos sind (…). Vor allem denke ich an die große Fatwa der Azhar zu Kairo 2006, der höchsten intellektuellen Institution des sunnitischen Islam. (…) Die Fatwa ist einstimmig und unmissverständlich verabschiedet worden: Weibliche Genitalverstümmelung ist ein strafbares Verbrechen, das höchste Werte des Islam verletzt.

„Ein Federstrich, der den größten Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte beenden könnte“

Dem saudischen König kommt meines Erachtens die Führungsrolle zu. Ihm hat Allah diese Position anvertraut. Er ist der Generalerbe des Propheten. Mit einem Federstrich unter ein Dekret könnte er die Frauen erlösen, verkündet in Mekka. Ein Zehn-Zentimeter-Tintenstrich. Ein Federstrich, der den größten Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte beenden könnte: die Gesellschaft gegen die Frauen, gegen jede Religion, seit 5000 Jahren, mit täglich 8000 Opfern.

So bleibt mir zum Schluss meines Lebens nur noch dieses Vermächtnis. Ich möchte die Entscheidungsträger mit meinen Zeilen, mit allem Respekt und aller Demut bitten, diese Chance Wirklichkeit werden zu lassen. Wir schulden sie unserem Schöpfer. Und damit bleiben mir nur noch die Hoffnung und das Gebet. Danke.“

Mehr aus einem einzigen Menschenleben Sinnvolles zu machen, geht kaum

Diese Zeilen schrieb Rüdiger Nehberg, der am 4. Mai 85 Jahre alt geworden wäre, vor seinem Vortrag in der katholischen Paulusschule in Billstedt im November vergangenen Jahres. Ein Überlebenskünstler, Mahner für Schöpfungsbewahrung und Menschenwürde. Zu meiner Einführung als Pfarrer in Billstedt schenkte mir der gelernte Konditor einen selbstgebackenen Apfelkuchen – solche Geschenke gehören zu den kostbarsten überhaupt.

Rüdiger Nehberg engagierte sich viele Jahre mit seiner Familie für Menschenrechte, kämpfte für die Rechte der Yanomani-Indianer. Bei drohenden Erschießungen im Krieg Äthiopiens gegen Eritrea retteten ihm muslimische Begleiter als lebende Schilde das Leben. „Das verpflichtet“, sagte er. Mehr aus einem einzigen Menschenleben Sinnvolles zu machen, geht kaum; ich verneige mich vor diesem humorvollen, begeisternden und energiegeladenen Propheten und rufe ihm ein tief empfundenes Danke nach. Ein wirklich großer Mensch fehlt auf Erden, wird aber im Himmel viel Neues bewegen; Langeweile bleibt ihm ein Gräuel. Danke, Sir Vival!

Text: Felix Evers
Foto: Rainer Busenbender

Felix Elvers ist Pfarrer in Hamburg Billstedt

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